Anonyme Drahtzieher etablieren eine Zwangsherrschaft und betreiben eine Schule der Diktatoren, um so den jeweils amtierenden Staatschef nach einem Attentat jederzeit ersetzen zu können – und das Volk merkt nichts.
»Dieses Buch ist ein Theaterstück und hat ein Anliegen. Das Anliegen ist älter und das Thema, leider, nicht veraltet. Es gibt chronische Aktualitäten.«
Fünf Jahre hat Martín Caparrós den ganzen Globus bereist, um diese
Schande zu kartografieren:
Er war in Niger, wo der Hunger so aussieht,
wie wir ihn uns vorstellen;
in Indien, wo mehr Menschen hungern als in
jedem anderen Land;
in den USA, wo jeder Sechste Probleme hat, sich
ausreichend zu ernähren, während jeder Dritte unter Fettleibigkeit
leidet;
in Argentinien, wo Nahrungsmittel für 300 Millionen Menschen
produziert werden, obwohl sich viele Bürger kein Fleisch mehr leisten
können.
Am Ende dieser Reise steht ein einzigartiges Buch:
Großreportage,
Geschichtsschreibung
und
wütendes Manifest.
Der Hunger,
so Caparrós, ist keine Naturkatastrophe, die schicksalhaft über die
Menschen hereinbricht.
Der Hunger ist der krassesteAusdruck der
gigantischen sozialen Ungleichheit in einer Welt, in der das reichste
Prozent mehr besitzt als alle anderen zusammen.
Drei Frauen waren um das Krankenlager versammelt: Großmutter, Mutter, Tante. Ich hatte eine Weile zugesehen, wie Mutter und Tante langsam die beiden Plastikteller, die drei Löffel, den rußigen Topf, den grünen Eimer zusammenpackten und alles der Großmutter übergaben. Die beiben nahmen die Decke, legten zwei, drei Hemdchen, ihren übrigen Habseligkeiten hinein und schnürten ein Bündel, das die Tante sich auf den Kopf setzte.
Doch als die Tante sich über das Lager beugte, den Kleinen hochhob, ihn befremdet, ungläubig ansah und ihn auf den Rücken der Mutter auf den Rücken legte, so wie Kinder in Afrika gewöhnlich auf den Rücken ihrer Mütter gelegt werden - die Beine und Arme und Beine gespreizt, die Brust gegen den Rücken gepresst, das Gesicht zur Seite gedreht - und ihn mit einem Tuch festband, brach es mir das Herz. Der Kleine war an seinem angestammten Platz, bereit für den Heimweg, tot.
Ich glaube, hier hat dieses Buch seinen Anfang genommen, in einem Dorf in der Nähe, irgendwo in Niger.
Ich saß mit Aisha auf einer Siasalmatte vor der Tür ihres Hauses, schweißtreibende Mittagshitze, staubtrockener Boden, der Schatten eines dürren Baumes, das Geschrei der herumtollenden Kinder, und als sie mir von der Kugel Hirsebrei berichtete, die sie jeden Tag aß, und ich fragte, ob sie tatsächlich jeden Tag eine Kugel Hirsebrei esse, prallten unsere Kulturen zum ersten Mal aufeinander.
"An jedem Tag, an dem es dafür reicht." Sagte sie und senkte beschämend den Blick; ich fühlte mich wie ein Idiot. Wir sprachen weiter über Nahrung oder besser gesagt, den Mangel an derselben, und ich war in all meiner Naivität zum ersten Mal mit dem Hunger in seiner extremsten Form konfrontriert. Nach zwei überaus aufschlussreichen Stunden fragte ich sie - diese Frage würde ich später noch oft stellen -, was sie sich wünschen würde, wenn ein Zauberer käme, der jeder ihr jeden Wunsch erfüllen könnte, ganz gleich welchen.
Aisha überlegte, als hätte sie sich diese Frage noch nie gestellt. Sie war Anfang, Mitte dreißig, hatte eine Adlernase und traurige Augen, der übrige Körper war von fliederfarbenem Stoff bedeckt.
"Ich wünsche mir eine Kuh, die viel Milch gibt. Die würde ich dann verkaufen, von dem Geld könnte ich Krapfen machen und sie auf dem Markt anbieten. So kämen wir halbwegs über die Runden."
"Nein, so meinte ich das nicht. Der Zauberer könnte Dir jeden Wunsch erfüllten, egal welchen. Also, um was würdest ihn bitten ?"
"Wirklich jeden ?"
"Aber ja."
"Zwei Kühe vielleicht ?" Sagte sie leise und fügt hinzu: "Dann müsste ich nie mehr Hunger leiden."
So wenig, dachte ich im ersten Moment. Und doch so viel.
Wir kennen den Hunger, verspüren ihn zwei- bis dreimal am Tag. Hunger ist das Normalste von der Welt, und doch ist den meisten von uns nichts fremder als echter Hunger.Wir kennen den Hunger, verspüren ihn zwei- bis dreimal am Tag.
Doch zwischen diesem alltäglichenHunger, der jeden Tag aufs Neue befriedigt wird, und dem verweifeltenHunger derjenigen, die ihm ohnmächtig ausgeliefert sind, liegen Welten.
Der Hunger war seit je die Triebfeder, für gesellschaftlichen Wandel, technischen Fortschritt, Revolutionen, Konterrevolutionen. Nichts hat die Geschichte der Menschheit stärker beeinflusst.
Keine Krankheit, kein Krieg hat mehr Opfer gefordert.
Keine Seuche ist so tödlich und dabei so vermeidbar gewesen wie der Hunger.
(Notiz: ... während eines Spaziergangs mit dem Labrador, mich mit einem Rentner unterhalten, der nach dem Krieg von "Ostdeutschland" über das Ruhrgebiet in den Südwesten Deutschlands kam und sich eine gute Existenz aufbauen konnte. Doch in letzter Zeit wacht er vermehrt nachts auf in Erinnerung an die schlimmen Nachkriegszeiten ... es war der Hunger der ihn gequält hatte, und wovon er in letzter Zeit immer öfters träumt und davon aufwacht ...)
[...]
Hunger als punktuelle, erbarmungslose Katastrophe gibt es nur im Zusammenhang mit Kriegen oder Naturkatastrophen. Doch es bleibt all das, was sich nicht so leicht zeigen lässt:
Die Abermillionen Menschen, die nicht ausreichend essen - und die darunter leiden und dabei draufgehen.
Der Eisberg, über den dieses Buch berichten und nachdenken will.
Ich will damit sagen, ja, wie soll ich es ausdrücken, mein freundlicher, wohlwollender, ein wenig zerstreuter Leser:
Können Sie sich sich vorstellen, was es heißt, nicht zu wissen, was man am nächsten Tag essen soll ?
Können Sie sich ein Leben vorstellen, in dem Sie jeden Tag aufs Neue fragen, was Sie morgen essen werden ?
Ein Leben, das primär aus dieser Ungewissheit besteht, aus der damit verbundenden Angst, der Frage, wie man Herr werden soll, daraus, an kaum etwas anderes denken zu können, weil jeder Gedanke von diesem Mangel beherrscht ist.
Können Sie so ein so eingeschränktes, kurzes, oft äußerst schmerzliches, hart erkämpftes Leben vorstellen ?
"Der jährliche Hungertod von mehreren zehnMillionen Männern, Frauen und Kindern ist der Skandal unseres Jahrhunderts. Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind unter zehn Jahren. Und das auf einem Planeten, der grenzenlosen Überfluss produziert ... In ihrem augenblicklichen Zustand könnte die Weltlandwirtschaft problemlos zwölf Milliarden Menschen ernähren, was gegenwärtig fast der doppelten Weltbevölkerung entspricht. Insofern ist die Situation alles andere als unabwendbar.
Ein Kind, das an Hunger stirbt,
wird ermordet",
schreibt Jean Ziegler, der ehemaligen UN-Sonderberichtserstatter für das Recht auf Nahrung, in seinem Buch Wir lassen sie verhungern.
Regieren heißt, die allgemeine Ignoranz auszunutzen, um aus der eigenen das größtmögliche Kapital zu schlagen.
In diesem Fall ein ausgesprochener unglücklicher Zufall.
Niger besteht zu drei Vierteln aus unfruchtbarem Land und quasi Unterboden.
Ein paar Kilometer weiter südlich gibt es riesige Erdölvorkommen, aber die gehören zu Nigeria - und die Bewohner auf dieser Seite der Grenze haben kein Recht zu fördern, und hungern.
Es liegt eine gewisse Grausamkeit in diesen Zufallsgebieten, die wir Länder nennen und die, so redet man uns ein, unser Ureigenstes sind, das wir von ganzem Herzen lieben und mit unserem Leben verteidigen sollen.
[...]
Das Wort "Sahel" bedeutet Küste - Küste der Sahara. Es ist ein wüstenähnliches, flaches Gebiet, in dem einst einige der mächtigsten Reiche Afrikas prosperierten:
zum Beispiel im 14. Jahrhundert, als die Herrscher von Timbuktu Salz aus der Wüste im Norden gegen Sklaven aus den Urwäldern im Süden tauschten und mit den Erlösen einer der größtenStädte ihrer Zeit erbauten.
Die Sahelzone ist ein etwa 400 km breiter Übergangsraum zwischen Sahara und Dornsavanne bis zu den feuchten Savannengebieten des Sudan in Afrika. Ihre Ost-West-Ausdehnung beträgt 5000 km. Sie reicht von der Atlantikküste im Westen bis an den Nil im Osten.
Die Sahelzone ist zudem das Gebiet, das dem Wort "Notstand" eine neue Bedeutung gab, welches zuvor außergewöhnlichen, unerwarteten Ereignissen vorbehalten war.
In der Sahelzone tritt jedes Jahr im Juni für Millionen von Menschen der Notstand ein:
die internationalen Organisationen warnen vor der Gefahr und entsenden ihre Hilfsgüter oder auch nicht,
Millionen von Menschen haben zu essen oder auch nicht,
und hier, im Bezirkskrankenhaus von Madaoua, fünfhundert Kilometer von Niamey entfernt, errichtet das Team von Ärzte ohne Grenzen (MSF) alle paar Tage eine neue Notunterkunft, weil immer mehr unterernährte Kinder eingeliefert werden.
- dem Centre de rehabilitation et d'educations nutritionnelle, kurz CRNI,
mit hundert Betten - befinden sich bereits über dreihundert kleine Patienten, und der Strom reißt nicht ab.
Von den rund 90.000 Kindern unter fünf Jahren, die im Distrikt Madaoua leben, wurden im letzten Jahr 21.000 wegen Unterernährung in diesem Zentrum und seinen Ablegern behandelt:
fast ein Viertel.
Dort sind in der letzten Woche 59 Kinder verhungert oder an hungerbedingten Krankheiten gestorben.
haben das Wort so inflationär verwendet, dass es verboten gehört.Doch stattdessen hat man es neutralisiert.
"Der Hunger in der Welt" -
wie in
"Was wollen Sie, den Hunger in der Welt abschaffen?" -
ist nur mehr eine Phrase, ein Gemeinplatz, ein fast schon sarkastischer Ausdruck, um bestimmte Bestrebungen ins Lächerliche zu ziehen.
Die Sache mit diesen abgenutzten, durch gedankenlosen Gebrauch abgeschliffenen Begriffen ist, dass man sie eines Tages plötzlich mit neuen Augen sieht, und dann zünden sie.
Die Begriffe verschwimmen und verstellen dem Leser den Blick.Ich möchte vorab klarstellen, was ich meine, wenn ich vom Hunger spreche - oder es zumindestens versuchen.
(Notiz: ... wir leben also hierfein geschützt durch einen grenzüberschreitenden Militärisch-Industriellen-Komplex und wohlernährtdurch wirtschafts-politisch protektierte Konzerne, die uns mit den tausenden Rohstoffen anderer versorgen, die ihrerseits täglich um ihren Anteil betrogen und bestohlen werden ... die Sonne scheint für alle, doch die Früchte sind ungerecht verteilt, für Millionen leidvoll bis tödlich ...
(Notiz: ... es spielt schon seit Jahrzehnten keine Rolle mehr, wer oben an der Spitze eines "Tiefen Staates" als die größten Ignoranten, Illusionisten und Wortverdreher sein Ding macht, es ist das wirtschafts-politische System, das den Militärisch Industriellen Komplex, den Konzernen, Banken und Vermögenden alle Freiheiten überlässt, und in letzter Konsequenz
Wer das mittlerweile immer noch nicht verstanden hat, will es auch nicht verstehen bzw. akzeptieren ... der hat auch nicht verstanden, dass im Zuge des großen Landraubs sprich "Land grabbing" Menschen von ihrem angestammten Platz, Heimat und Boden von Konzernen und Militärs gewaltsam vertrieben werden und fortan zu den Ärmsten der Armen gehören, sozusagen von heute auf morgen mit Nichts stehen sie da.
Zehn Prozent der Landfläche unseres Planeten, etwas fünfzehn Millionen Quadratkilometer,
etwa ein Viertelhektar für jeden Menschen
stehen als Ackerland dafür bereit,
Pflanzen wachsen und gedeihen zu lassen, die das Chlorophyll produzieren,
das die elektrische Energie der Sonne in chemische Energie umwandelt,
durch welche das das Kohlendioxid der Atmosphäre und das Wasser der Pflanzen in Sauerstoff und Kohlenhydrate umgewandelt werden.
Alles, was wir essen, sind letztlich direkt oder indirekt - über das Fleisch der Tiere, die ihrerseits Pflanzen verzehren - von der Sonne aufgeladene Pflanzenfasern.
Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) kann ein Erwachsener, der nicht mindestens 2.700Kilokalorien zu sich nimmt, seinen Energieverbrauch nicht wieder ausgleichen kann,
sie hatte noch nie elektrisches Licht, fließendes Wasser, einen Gasherd oder eine Toilette,
sie hat noch nie ein Kind in einem Krankenhaus zur Welt gebracht,
nie eine Fernsehsendung gesehen,
sie hat noch nie Hosen getragen,
noch nie eine Uhr oder ein Bett besessen,
sie hat noch nie ein Buch gelesen oder eine Zeitung,
hat noch nie einen Beitrag gezahlt, eine Coca-Cola getrunken, eine Pizza gegessen,
noch nie Zukunftspläne geschmiedet,
noch nie daran gedacht, dass ihr Leben anders sein könnte.
Sie hat noch nie daran gedacht, dass es ein Leben für sie geben könnte, in dem sie sich nicht die Frage stellen muss, ob sie morgen auch etwas zu essen hat.
Einer der bevorzugten Tricks der Berichte über den Hunger besteht darin - wenn sich das Wort nicht vermeiden lässt -, von einem unpersönlichen, nahezu abstraktenHunger zu sprechen.
Der Hunger als eigenständiges Subjekt
Gegen den Hunger kämpfen.
Den Hunger eindämmen.
Die Geißel des Hungers.
Doch der Hunger existiert nicht außerhalb der Menschen, die ihn erleiden.
Das Thema ist nicht der Hunger; es geht um eben diese Menschen.
[...]
Am Ende verwandeln sich die Probleme von Milliarden Menschen in einen Text, den nur Eingeweihte verstehen, während die Mehrheit nicht begreift, worum es geht.
(Notiz: ... das ist auch der Grund, warum ich persönlich selten in die Kirche gehe, kaum noch Nachrichten im Fernsehen schaue und keine volksverdummenden Marionetten und Wirtschaftsvertreter mehr wählen gehe
=> sie predigten Wasser und tranken Wein:
sie alle, die Religionen, die Wirtschaftspolitik und Mainstream-Medien ...)
(... keine Politik ist wählbar, die nicht das Verbrechen der Militärs, Konzerne und Banken bekämpft und ihre perverse und menschenverachtende Politik bricht:
... dies ist das Zeitalter "Friss oder stirb" ...
Wieder angekommen in den Zeiten und Zuständen des Feudalismus und Kolonialismus.
Der Reichtum, das Wunder der besten Versorgung und das Jammern auf höchstem Niveau liegt bei näherer und fairer Betrachtung einem "kapitalen" Verbrechen zugrunde - der Ausbeutung von Milliarden von Menschen und Gemeinschaften in strukturschwachen Regionen und Ländern.
Ein Mensch, eine Gemeinschaft, ein Volk, das hungert, ist schutzlos ausgeliefert:
er und es wird zum Spielball derjenigen, die auf einen Eroberungs- und Raubzug unterwegs sind.