Dienstag, 21. September 2010

Liebes Tagebuch,


jetzt habe ich dich in letzter Zeit sehr stiefmütterlich behandelt, zwischendurch nur ein paar kleine Pseudoabhandlungen geschrieben. Dabei will ich doch selber über meine schriftlichen Einträge lachen und weinen, wenn ich nicht mehr in Deutschland bin. Dann dienst du mir als ewige Erinnerung an die Zeiten in einem Land, das ich liebe und gelegentlich kritisiere, weil es sich seit geraumer Zeit bürger- und arbeiterfeindlich entwickelt zugunsten von Konzernen, Banken und Menschen, die ihr "Schäfchen ins Trockene" bringen wollen mit Tricks, Lug und Trug !

Doch im Endeffekt willst du, mein allerliebstes Tagebuch mit Informationen und "Inputs" gefüttert werden, egal welcher Art, ist es nicht so ?

Als ich den ersten Anruf meiner jetzigen Leih- und Zeitarbeitsfirma bekommen und einen Job auf einem Schiff angeboten bekommen habe, dachte ich zuerst, ich müsste im Kabinenbau Elektrik machen. Aber die Firma, an die wir verliehen worden sind, installiert reichhaltige und variantenreiche Lichtoptik vom Allerfeinsten für die Meyer-Werft auf der "Disney Dream".

Unser Leihfirma hat für uns einen Leihwagen gemietet, um selbst bei den Fahrtkosten zu sparen !
Entweder werde ich um 5:30 oder um 5:00 abgeholt, je nachdem ob wir um 6:00 Uhr oder um 6:45 morgens anfangen. Mittlerweile kommen wir im Dunkeln an, und können froh sein, dass wir auf der Heimfahrt gegen 16:30 noch Sonne mitbekommen. Leider macht uns der häufige Regen ein Strich durch die Rechnung.

Die erste Woche hat unser Chef uns höchstpersönlich abgeholt und wieder abgesetzt, da habe ich auch zum ersten mal "Familienvater" und "Elektromeister" kennengelernt. Der Erstgenannte ist in Hamburg bis zum 18. Lebensjahr aufgewachsen, der andere hat dort seinen "Meisterbrief" erworben.

Hin und wieder muss auch ich fahren und die anderen "Leih- und Wanderarbeiter" abholen, aber verzichte gerne darauf, um hinten im Auto noch ein wenig dösen zu können. Heute z.B. habe ich das Auto auf der Hinfahrt gefahren, weil "Elektromeister" ein wenig müde war. Mittlerweile ist unsere Fahrgemeinschaft auf 7 Personen angewachsen, fünf kommen aus Emden, die beiden anderen aus Ortschaften, die man echt als "Kuhdörfer" bezeichnen kann. Nichts gegen Kühe, die haben sehr schöne Augen und pralle mit warmer Muttermilch gefüllte Euter. Und gegen ein Dorf habe ich auch nichts, weil ich auf einem solchen geboren bin und sicherlich nach einer langen Odysee durch die Weltgeschichte dort meinen Lebensabend verbringen werde, selbstverständlich nicht ohne Internet !

Heute war richtig dicker Nebel auf der Autobahn + ein schwerer Unfall an der Zubringerstraße zur Werft. Vor ein paar Wochen konnte man noch die Nebelschwaden und die Morgendämmerung genießen, mittlerweile ist ein verblassender Sternenhimmel zu bewundern. Und wie ein gutes Omen weist mir der Morgenstern den Weg nach Papenburg zur Meyer-Werft, wo uns Arbeit und Stress, Handwerker und Arbeiter aus ganz Europa, riesengroße im Bau befindliche Passagierschiffe und gigantische Werfthallen erwarten.

Wenn wir erst um 6:45 anfangen, dann müssen wir ganz weit hinten parken, weil die allermeisten Parkplätze schon besetzt sind. Dann sagen wir immer: "Immer diese Ausländer und Meyer Leute - besetzen unseren Parkplatz". Dazu muss man wissen, vor Jahren hat die Meyer-Werf Massen von Arbeitern entlassen, die durch "Leiharbeiter" und "Ausländische Handwerker" ersetzt wurden. Es gibt sogar einige wenige Schiffshandwerker und Arbeiter, die haben lange auf dieser Werft gearbeitet, sind entlassen worden und kommen nun als "Leiharbeiter" zurück, selbstverständlich für einen niedrigeren Lohn als die Meyer-Leute => armes Deutschland !

Steigt man aus dem Auto aus, so kann man durch drei Haupttore gehen. Nur mit einem gültigen Ausweis mit Barcode oder Soecndergenehmigung kommt man durch die Drehtüren, die Pförtner kennen fast alle ihre "Arbeiter". Man sieht hunderte von Arbeitern in das Gelände strömen, die meisten haben ihre Arbeitsklamotten schon an. Die meisten tragen den geschichtsträchtigen "Blaumann", aber die Vielfalt an Arbeitsbekleidung ist enorm groß.

Bevor man das Schiff betritt muss man noch an einer der vielen elektronischen Stempeluhren sich registrieren und meistens auch noch zum jeweiligen zugewiesenen Aufenthaltsraum und Spind laufen, um dort sein Werkzeug abzuholen oder um sich umzuziehen. Wenn man sich mit den notwendigen Werkzeug gerüstet hat, geht es auf das Schiff. Dieses kann man durch Aufzüge erreichen, die an die Aufzüge im Bergbau erinnern. Man kann auch durch den Schiffsbauch (Deck 1) in das Schiff gelangen.

Am Anfang gingen noch sehr viele Arbeiter die Treppe hoch, mittlerweile will man einfach nur noch den Aufzug nehmen, um Kraft zu sparen ! Das Hauptdeck mit Reling ist Deck 4, dort treffen sich die einige Bautrupps, jeder an seinem Ort. Die meisten aber haben ihre Werkzeugkisten in einen der unzähligen Räume im Schiff aufgestellt.

Für gewöhnlich wird nach der ersten Besprechung erst einmal eine Zigarette geraucht. Ganz früher durfte man noch in den Schiffen rauchen, heute selbstverständlich nicht mehr. Die Meyer-Werft wollte sogar durchsetzen, dass man nur noch auf dem "Land" rauchen darf, doch zum Glück hat sich der Kompromiss ergeben, dass man an zugewiesenen Ecken an der Reling und draußen auf dem Deck in einigen wenigen Ecken rauchen darf. Dort trifft man übrigens immer die gleichen Leute, mit denen mein sein Leid und Kummer bezüglich handwerklicher Schwierigkeiten bespricht, auch werden hier die neuesten Informationen + Tipps ausgetauscht:
  • Hast du schon das Neueste gehört ?
  • Was machst' du denn gerade ?
  • Wo ist denn dieser Raum, ach so Deck x, Feuerzone y !
  • Oh, verdammt, mein Rücken tut so weh - Ja, ich bin auch voll kaputt, die Zeit geht einfach nicht vorbei !
  • Die spinnen doch die Politiker, wollen das Rentenalter erhöhen. Na, die sollen doch selber mal mit 60 Jahren den ganzen Tag die Leiter hoch und runter klettern. 
  • He, habe gerade eine ganze Delegation von Schlipssträgern gesehen.
  • Mensch, echt der Hammer, da oben im Entertainmentraum, da sind vier Weiber, wahrscheinlich aus Italien - Was machen die denn ? - Die streichen den Raum  - Ach, so, die kenne ich auch
  • Das kann doch nicht wahr sein, da hat jemand meine Abisolierzange und meinen Seitenschneider geklaut, das ist doch zum Kotzen hier !
  • Wie siehst du denn aus, hast du deinen Lötkolben gefressen !
  • Sorry, can you give me fire, please ?!
Und wann immer eine Handwerkerin, Ingeneurin oder weibliche Aushilfskraft vorbeiläuft wird hinterhergeschauft oder auch gegafft ! Und jeder weiß vom anderen, was er in diesem Moment denkt, ohne dass auch nur ein Wort gesprochen wird.

In den Schiffsräumen selber geht die Post ab: lebendiges Handwerk kombiniert mit monotonen Arbeitsabläufen => manche sind mit ihrer Arbeit zufrieden, manche empfinden die Arbeit auf kleineren Schiffen spannender und nicht so anstrengend. Manche sagen, Arbeit ist Arbeit, egal wo du bist, der Lohn wird ohnehin gedrückt !

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gäähn, müde => tobeco

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