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Sonntag, 8. November 2009

10. Der Faktor Zeit in der Entwicklung

Außerordentlich wichtig ist,wie Tierexperimente bewiesen haben, für die Reifung und Entwicklung der Faktor Zeit. Das heißt, gewisse Reize oder andere Einwirkungen müssen von der Außenwelt zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt geboten werden, um einen Fortschritt möglich zu machen, der eben nur zu diesem Zeitpunkt erfolgen kann. Wenn zum Beispiel frisch geschlüpfte Küken zunächst in einem dunklen Raum gehalten werden, so sind sie später für immer weniger geschickt im Picken, weil dies hauptsächlich in den ersten Tagen und Wochen gelernt werden muss.

Der Tierpsychologe Konrad Lorenz hat in berühmten Experimenten - erstmals mit Wildgänsen- gezeigt, dass ihr Verhalten zu einem gewissen Zeitpunkt eine definitive Prägung erfährt: Das erste lebende Wesen, das die aus dem Ei schlüpfenden jungen Gänsen sehen, "nehmen" sie als Eltern "an" - sie folgen ihm, betteln es an. Normalerweise ist dieses Wesen eine Wildgans; ist es aber - im Versuch - ein Mensch, so bleiben die Wildgänse auf diesen "geprägt".

Von großer Bedeutung für Schlussfolgerungen auf Menschenkinder ist ein interessantes Experiment mit Mäusen: junge Mäuse wurden wiederholt in einen Käfig gebracht, in dem eine zum Kämpfen trainierte, besonders starke Maus sie angriff und prompt besiegte. Je jünger die Mäuse waren, die in dieser Weise frühe Niederlagen erlitten, desto zaghafter und furchtsamer verhielten sie sich auch noch als erwachsene Tiere. Ältere Mäuse jedoch, die früher andere Erfahrungen gemacht hatten und nun solche Niederlagen hinnehmen mussten, wurden nicht in demselben Grade eingeschüchtert.

Parallele Tatsachen kann ich aus meinen psychotherapeutischen Erfahrungen berichten. Wiederholt ließ sich eine extreme Aggressivität oder ein furchtsames Sich-Zurückziehen in Kampfsituationen auf ganz frühes "Training" zurückführen. Der eine Patient beispielsweise hatte eine Mutter, die schon den Zweijährigen ermunterte, zuzuschlagen, wenn ein anderes Kind ihm in den Weg kam, der andere dagegen stand unter dem Einfluss einer Mutter, die ihren Pazifismus in einem Grade vertrat, dass sie ihrem Vierjährigen verbot, sich je in eine Prügelei einzulassen, und ihm einprägte, davonzulaufen, sobald jemand ihn angreife.

Aggressivität und Furchtsamkeit haben natürliche auch noch andere Wurzeln als diese. Wichtig ist jedoch, sich der bedeutsamen Rolle früher Anregungen und Versagungen bewusst zu sein, und das um so mehr, als es sich bei solchen frühen Entwicklungen auf das Kind meist um Dinge handelt, die den Eltern durch Gebrauch und Tradition oder aus dem Kontakt mit ihrer Umgebung bekannt sind oder werden. Am wichtigsten aber sind von Anfang an gewisse seelische Einwirkungen, Mutterliebe vor allem, und dem jeweiligen Alter des Kindes entsprechenden Anregungen.

Doch auch später im Leben macht man immer wieder die Erfahrung, dass man gewisse Ding zu einem bestimmten richtigen Zeitpunkt haben muss - andernfalls wird es "zu spät".

"Zu spät" für was ?

Für das Zustandekommen gewisser innerer Entwicklungsfortschritte. So gehören Liebe, Ehe, Kinderzeugung, beruflicher Erfolg zu diesen gesunden grundlegenden Erfahrungen, die zu gewissen Zeitpunkten notwendiger erscheinen als alles andere. Die meisten sind seelischer Natur.

Eine wichtige Ausnahme macht die Sexualität ! Die Sexualbedürfnisse des Menschen sind zwar in ihrer Entwicklung in der Pubertät, die durch Umgebungseinflüsse wesentlich zu ihrer gesunden Entfaltung bei. Dies gilt ganz besonders für die Entwicklung in der Pubertät, die durch Umgebungseinflüsse verfrüht, verlangsamt, in gesunde oder ungesunde Bahnen gelenkt werden kann.

Allgemein gesprochen kann jedenfalls nicht genug betont werden, dass für die gesunde Entwicklung die Erfahrungen der ersten Lebensjahre von größer Bedeutung sind.

Und zwar ist es heute erwiesen, dass erstens früh erworbene Gewohnheiten besonders beharrlich sind, und dass zweitens der Erwachsene dauernd unter dem Einfluss dessen bleibt, was er als Kind gesehen hat. Für Eltern und Erzieher ist, so scheint mir, ein solch definitiver Befund von unschätzbarem Wert.

9. Die Beeinflussung der Reifung durch die Sexualität

Das ganze Leben hindurch gibt es Reifung und Entwicklung. Einer der wichtigsten Faktoren, der das ganze Leben hindurch Reifung und Entwicklung beeinflusst, ist die Sexualität.

Unter Sexualität verstehen wir sowohl die angeborene geschlechtliche Zeugungsfähigkeit des Menschen wie die dem Geschlechtsverkehr dienenden Verhaltensweisen und Bedürfnisse. Diese gehören zu einer bestimmten Gruppe angeborener Verhaltensweisen, die man Instinkte nennt.

Das Wort Instinkt wird gebraucht zur Bezeichnung von Reaktionen, die auf bestimmte Reize hin regelmäßig und in relativ unveränderlicher Form erfolgen, und zwar so, dass sie gleichsam als Kettenreaktion ablaufen. Beim Menschen kann man allerdings kaum von Instinkten in jenem strengeren Sinn sprechen, in dem der Ausdruck auf tierisches Verhalten angewandt wird. Denn beim Menschen sind die Instinkte weitgehend aufgelöst, und es bestehen nur rudimentäre Überreste angeborener Verhaltensweisen.

Das Saugen des Neugeborenen zum Beispiel ist ein relativ reines instinktives Verhalten, eine Kette von Reflexen: Mundöffnen, Zungen- und Schluckbewegungen. Die Reaktion kann sogar schon im dreimonatigen Fötus ausgelöst werden, und beim Neugeborenen tritt sie anfangs bei allen möglichen Reizen auf, als wolle der kleine Mensch keine Gelegenheit zur Nahrungsaufnahme ungenutzt lassen.

Die Reflexe und angeborenen Verhaltensweisen, die der komplizierten Apparatur der menschlichen Sexualität zugeordnet sind, können den verschiedensten Veränderungen und Störungen unterworfen sein. Trotzdem kann man bei der Entwicklung der Sexualität von Reifung sprechen, insoweit die Abfolge von Phasen in Frage kommt. Diese Phasen sind:
  • die Zeit vor der Zeugungsfähigkeit;
  • dann die Pubertät oder Reifung zur Zeugungsfähigkeit;
  • die Phase der reifen Zeugungsfähigkeit;
  • das Klimakterium oder die Periode des Verlustes der Zeugungsfähigkeit
und schließlich
  • die Periode nach dem Verlust der Zeugungsfähigkeit.
Man sollte annehmen, dass die Entwicklung der Sexualbedürfnisse dem Auf- und Abbau der Zeugungsfähigkeit parallel läuft. Weil jedoch die Sexualbedürfnisse des Menschen weitgehend losgelöst von der Aktivität des Zeugungsapparates auftreten, gibt es keinen natürlichen Rhythmus und keine Zwangsläufigkeit im Auftreten dieses Triebes oder - vielleicht besser ausgedrückt - dieser sehr komplizierten Bedürfnisse.

Es gibt zwar auch beim Sexualtrieb eine Sequenz von Verhaltensweisen, doch ist deren Manifestation in Zeit und Charakter weitgehend von den verschiedensten Einflüssen abhängig, mit anderen Worten: Beim menschlichen Sexualtrieb spielen psychologische Faktoren eine größere Rolle als biologische. Deshalb soll über die Sexualität erst später im Zusammenhang der psychologischen Entwicklung gesprochen werden.

8. Reifung, Erfahrung und Entwicklung

Experimente mit Kleinstkindern, die zwar nicht völlig, aber doch weitgehend solcher Reize beraubt waren, konnten von L. Danzinger und L. Frankl in Albanien durchgeführt werden. Sie fanden dort in Gebirgsdörfern Säuglinge auf schmale Holzwiegen gebunden, die in einer dunklen Ecke der Lehmhütte standen. Durch Bandagen um Arme und Beine und den ganzen Körper waren die Babys während ihres ersten Lebensjahres an jeder freien Bewegung gehindert. Nur wenn das Kind gebadet oder gelegentlich einem Besucher gezeigt wird, holt man es aus einer Ecke und von seinem Bett.

Wie benimmt sich nun ein solches Baby, wenn es von den Banden befreit ans Licht gebracht und ihm ein Spielzeug dargeboten wird ? Zunächst ist das Kind völlig inkativ. Man muss es berühren und ermuntern, das Spielzeug zu ergreifen. Dann zeigt sich, dass zum Beispiel ein Fünfmonatiges einen Gegenstand berührt oder die Arme nach ihm nur so ausstreckt, wie das normale Dreimonatige es tut. Mit sieben Monaten ist die Greifbewegung noch schlecht koordiniert, mit zehn Monaten streckt das Kind zwar beide Hände nach einer Klapper aus, doch fahren die Hände an der Klapper vorbei, ohne sie ergreifen zu können.

Was wird nun aus solchen Kindern später ? Auch an allen älteren Kindern war eine dauernde Lähmung der Aktivität und mangelndes technisches Geschick zu beobachten. Aus solchen Beobachtungen lässt sich die grundlegend bedeutsame Regel ableiten, dass die Entwicklung weitestgehend von den in der frühesten Kindheit gebotenen Entwicklungsmöglichkeiten abhängt.

Heute ist die Wissenschaft überreich an Befunden, die feinere Einzelheiten dieser Regel erkennen lassen. Wichtig ist zum Beispiel die Tatsache, dass einige Leistungsgebiete mehr, andere viel weniger von gebotenen Reizen abhängen.

Ein Beispiel relativer Unabhängigkeit von den gegebenen Umständen ist die Entwicklung des Gehens. Alle menschlichen Säuglinge laufen im Alter von ungefähr einem bis spätestens anderthalb Jahren, wenn nicht irgendeine organische oder seelische Störung sie daran hindert. Andere Verhaltensweisen hingegen, in denen es nicht nur auf die Beherrschung des Körpers als solchen, sondern auf die Bemeisterung von Material, auf die Kenntnis der Dingwelt, auf das Verstehen von Menschen und auf die Entwicklung der Innenwelt ankommt, bedürfen angemessener Reize, der Unterstützung also durch Belehrung und Anleitung und des liebevollen Kontaktes mit anderen, um sich adäquat und gesund zu entwickeln.

In anderen Worten ausgedrückt: Die Entwicklungsfortschritte des Menschen sind mehr noch als die aller anderen Lebewesen fast niemals ausschließlich ein Resultat der Reifung, sondern auch der Erfahrung. Aus diesem Grunde unterscheiden wir die Ausdrücke Reifung und Entwicklung.

Reifungsbedingt ist am Entwicklungsfortschritt, was der Organismus als solcher dazu beiträgt. Zum tatsächlichen Entwicklungsfortschritt gehört jedoch außer der Reifung auch die Umwelteinwirkung, welche die Reifung in Erfahrung umwandelt.

Wie steht es aber mit der Reifung später im Leben ?


***

Abb 9-12:
  • Vier Stadien der Fortbewegung während des ersten Lebensjahres
  • 16, 28, 40 und 52 Wochen !

Montag, 2. November 2009

7. Grundtatsachen der biologischen Reifung

Viel schwerer zu überschauen als die Tatsache des Wachstums sind die der biologischen Reifung. Wegen ihrer außerordentlichen Tragweite für den Verlauf des Lebens verdienen sie sorgfältigste Betrachtung.

Unter Reifung verstehen wir eine bestimmte Art von Veränderungen, die in den körperlichen Strukturen und Funktionen ebenso wie im Verhalten von Lebenwesen ihr ganzes Leben hindurch stattfinden. Diese Veränderungen stellen eine einsinnige Abfolge, oder wie der Fachausdruck lautet, Sequenz dar, wobei "einsinnig" bedeutet, dass die Abfolge nicht umkehrbar ist, und zwar deshalb, weil in echten Reifungsvorgängen jede der aufeinanderfolgenden Phasen die jeweils vorausgehende zur Bedingung hat.

Zu den wichtigsten Reifungsvorgängen gehört die Reifung der Körperbewegungen, zum Beispiel der Greifbewegungen. Berührt man etwa den Handteller eines Neugeborenen mit einem Finger, so schließt das winzige Händchen sich sofort um diesen Gegenstand. Das ist der sogenannte Greifreflex, mit dem die Greifbewegungen beginnen. Er ist einer von unzähligen Körperreflexen, die dem Menschen angeboren sind.

6b. Palmar grasp reflex / reaction (chaste version)
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Außer den Reflexen lässt das Neugeborene eine große Anzahl anderer ungeordneter und zielloser Bewegungen erkennen, die man Massenbewegungen nennt; es handelt sich um unspezifische Reaktionen auf alle möglichen inneren und äußeren Reize. Unter diesen Massenbewegungen gibt es auch Armbewegungen, aber sie sind ziellos, ungerichtet. Erst von etwa drei Monaten an streckt das Babys einen Arm nach einem Gegenstand aus, den es in einiger Enfernung sieht; mit etwa vier Monaten ergreift es einen Gegenstand, den man ihm nahe hinhält, und mit etwas fünf Monaten kann es alle diese Handlungen kombinieren: das Ausstrecken des Armes in der Richtung des gesehenen, etwas entfernten Gegenstandes und das Ergreifen sowie Heranziehen dieses Gegenstandes.

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Die Sequenz dieser Leistungen ist deshalb reifungsbedingt, weil jedes neue Zusammenwirken verschiedener Organe bei zunehmend komplizierten Handlungen die Entwicklung einfacherer Leistung voraussetzt: Zunehmende Koordination und Komplexität der Handlungen kennzeichnen die Reifungsfortschritte.

Die genannten Fortschritte des Greifens sind, wie gesagt, mit etwa drei, vier und Monaten zu erwarten. Aber gibt es da nicht große individuelle Unterschiede ?

Hierzu muss folgendes gesagt werden: Die Sequenz als solche ist unveränderbar, weil sie durch die Entfaltungsmöglichkeiten bestimmt ist, die dem Organismus gleichsam fest eingebaut sind, weshalb man von Strukturgesetzen spricht. Das tatsächliche Auftreten der jeweiligen neuen Leistung jedoch setzt angemessene Umgebungseinwirkungen voraus, und zwar sowohl hinsichtlich des Zeitpunktes wie der individuellen Eigenart und der Normalität. Wir sprechen in diesem Fall von Funktion und können somit sagen, dass in der Funktion außer den Strukturgegebenheiten auch die Lebensbedingungen zum Ausdruck kommen.

Ein Beispiel: würde ein Baby in einem völlig leeren Raum gehalten und ihm niemals auch nur ein einziger Gegenstand zum Erblicken, Betasten, Ergreifen als "Reiz" dargeboten, dann würde zwar sein Organismus reifen (Strukturgesetz), aber seine Koordinationsfähigkeit (die Funktion) wäre beeinträchtigt.

6. Grundtatsachen des Wachstums und des Alterns

Wachstum und biologische Reifung gehören zu den wichtigsten Grundtatsachen allen Lebens. Hier mag es genügen, einfach an Hand der Tatsachen festzustellen, worin Wachstum und Reifung bestehen.

Das Wachstum besteht, wie jedermann weiß, in der Tatsache einer Gewichts- und Größenzunahme des Kindes, die individuell verschieden, mehr oder weniger regelmäßig, schneller oder langsamer vor sich geht und etwa um das 20. Lebensjahr normalerweise zum Stillststand gelangt. Ein Alter von 25 Jahren ist der späteste Termin, bis zu dem dieser oder jener Mensch - stets handelt es sich um seltene Fälle - noch wächst.

Jede Mutter weiß, dass die regelmäßige Gewichtszunahme ihres Säuglings von allergrößter Wichtigkeit für dessen gesunde Entwicklung ist. Der dem zunehmenden Alter entsprechenden Gewichtszunahme nach dem ersten Lebensjahr des Kindes meinen allerdings viele Eltern nicht mehr diesselbe Aufmerksamkeit widmen zu brauchen wie während der ersten zwölf Monate. Es ist deshalb wichtig, darauf hinzuweisen, dass die neuere Medizin einen engen Zusammenhang von Körpergewicht und seelischer Gesundheit festgestellt hat. Sowohl in der Kindheit wie später im Leben sind allzu großes Übergewicht ebenso wie erhebliches Untergewicht oft Anzeichen nicht nur physischer Krankheit, sondern auch seelischer Störung.

Weniger kennzeichnend ist das Längenwachstum, das individuell und oft dem Familienschlag folgend variiert. Vor allem in der Pubertät. Kurz nach der Pubertät endet das Größenwachstum. Dies bedeutet jedoch nicht das Ende des Wachstums überhaupt. Vielmehr finden im Organismus das ganze Leben hindurch Wachstumsprozesse statt, deren wichtigster die Erneuerung der Zellen ist. Jedoch spricht man von Wachstum im engeren Sinn als von der Periode, in welcher der Aufbau des Körpers den Abbau überwiegt. Das Wachstum wird stationär genannt in der mittleren Lebensperiode, in der beide Prozesse - Aufbau und Abbau - ins Gleichgewicht gekommen sind. Demnach kann man von einer Lebenskurve sprechen, die, schematisch dargestellt, bis zum Altervon etwa 25 Jahren aufsteigt, dann bis zu etwa 50 Jahren auf derselben Höhe bleibt und schließlich abfällt.

Dies ist allerdings sehr schematisch gesprochen, da bei der heutigen, durch die Fortschritte der Hygiene und der medizinischen Kenntnisse verbesserten Lebensweise nicht nur die Lebensdauer zunehmend verlängert, sondern auch der Abbau verzögert wird. Niemand weiß vorläufig noch genau, wie eigentlich das Altern zustande kommt. Eine der heute am weitesten verbreiteten Theorien ist die von H.Selye, nach der jeder Organismus durch Spannungen erschöpft wird, denen er sich zunehmend weniger anpassen mag: Selye spricht von einer Erschöpfung der >>adaptiven Energie<<. Außer der Erschöpfung des Organismus spielen mit steigendem Alter Krankheiten eine zunehmende Rolle als Todesursachen.

Heutzutage sind Herz- und Gefäßerkrankungen sowie Krebs die häufigsten Krankheiten, die einen vorzeitigen Tod herbeiführen. Verfrühter Tod in anderen Altersstufen hat zum großen Teil andere Ursachen; in den übrigen Lebensaltern spielen nach einer neuesten amerikanischen Statistik Unfälle verschiedenster Art eine Hauptrolle, ganz besonders in der Jugend unter 24 Jahren und im höheren Alter über 65 Jahren.

Eines jedoch steht fest: Gesundheit und Krankheit sowie die zu erwartende Lebensdauer sind von großer Bedeutung für unser Lebensgefühl .


Abb. 3-4
  • Kurven des Längenwachstums oben und der Gewichtszunahme (unten) bei Knaben (links) und Mädchen (rechts)
  • Die Kurven sind Mittelwerte aus Messungen an über Hunderttausend bayerischen Kindern. (nach Keller-Witkost, Lehrbuch der Kinderheilkunde
ähnlich:

***

Abbildung 5

Biologische Lebenskurve (Diagramm: Reproduktion und Produktion über Lebensjahre)


Die Horizontale entspricht einer schematisch angenommen Lebensdauer von 70 Jahren, die Unterteilung stellen die (ebenfalls schematisch angesetzen) Lebensphasen dar, wobei die punktierten Linien die Variationsbreite von Beginn und Ende der vierten Phase angeben. Die auf- bzw. absteigende Linie zeigt die Richtungswechsel vom Aufbau zum stationären Wachstum und von diesem Abbau oder Verfall.

Die den Aufstieg fortsetzende Linie repräsentiert das Wachstum der Produkte des Lebens, mit denen sich das Individuum von einem gewissen Zeitpunkt an zunehmend identifiziert und die das Individuum überleben. Die vertikale Linie, welche die Linie der aufsteigenden Produkte mit der abgestiegenen eigenen Lebens-Kurve verbindet, soll andeuten, dass zu diesem Zeitpunkt zwar einerseits das Individuum sein eigenes Leben beendet, dass es aber andererseits in seinen Produkten - Kindern, Werken oder sozialer Nachwirkung der Persönlichkeit weiterlebt.

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Abb 6-7
Todesursachen bei Frauen (links) und Männern (rechts) in der Bundesrepublik Deutschland. (Vereinfacht nach >>Wirtschaft und Statistik<<, 1961)

ähnlich
:

=> wie lautet die medizinisch-soziologische Begründung für die verblüffende, statistische Aussage, dass 1993 deutlich mehr Frauen an Herz-Kreislaufversagen starben als Männer ?

Vermutung: im Durchschnitt werden Frauen älter als Männer. Von diesen Frauen, die die Männer also überleben, sterben einige an Herz-Kreislaufstörungen => deren Summe übersteigt die der Männer !
... hmm ... reicht aber immer noch nicht für eine zufriedenstellende Erklärung ... wahrscheinlich hat sich durch ein veränderndes/verändertes Rollenverständnis in einer Berufs- und Arbeitswelt der Stressfaktor für Frauen überproportional erhöht (=Mehrfachbelastung), so dass z.B. mehr Frauen rauchen als früher oder mehr Medikamente bzw. andere Beruhigungsmittel konsumieren ?! Übermäßiges Rauchen z.B. hätte eine Zunahme von koronaren Herzerkrankungen zur Folge !

***

Abb 8
Die Lebenserwartung in einigen Ländern dieser Erde. (Vereinfacht nach >>Wirtschaft und Stastik<<, 1961

ähnlich:

http://www.agenda21-treffpunkt.de/archiv/09/bild/lebenserwartung-iwd-09n36-g.jpg

Dienstag, 17. Februar 2009

Morgenstund hat Gold im Mund


hellwigh

Donnerstag, 2. Oktober 2008

6. Grundtendenzen und Lebensziele

Es wird angenommen, dass die vier Grundtendenzen von Anfang des Lebens an wirksam sind. Zwar ist es so, dass zu verschiedenen Lebenszeiten die eine oder die andere Grundtendenz eine größere Rolle spielt. Das Baby und auch noch das Kleinkind sind offenbar in erster Linie bedürfnisbefriedigend; erst das Schulkind wird allmählich mehr anpassend als bedürfnisbefriedigend; der Jugendliche und der Erwachsene sind in erster Linie schaffend expansiv; der alternde Mensch wird sein Leben besinnlich überschauen und eine innere Ordnung herstellen; im späteren Alter mögen Leiden und Zerfall der Kräfte ihn auf die Bedürfnisbefriedigung der ersten Kindheit zurückwerfen. (S.70 - Polarbär muss hier fortsetzen)

***

Die vier Grundtendenzen
  • bedürfnisbefriedigend
  • anpassend
  • schaffend expansiv
  • besinnlich und innere Ordnung
erinnern ein wenig an die Maslow´sche Bedürfnispyramide

Donnerstag, 25. September 2008

5. Für die Entwicklung der Persönlichkeit ist Umwelt von entscheidender Bedeutung

Als wesentlich ist festzustellen, dass das, was die Persönlichkeit ausmacht, von allem Anfang an mindestens ebenso oder mehr durch Umgebungseinflüsse als durch Vererbung bestimmt wird.

Wenn wir sagen von -von Anfang an-, so schließen wir damit auch die Schwangerschaftsperiode ein. Wir wissen heute, dass das winzige neue Lebewesen vom Augenblick der Empfängnis an in seinem Wachstum, seiner Gesundheit und seiner gesamten körperlichen-seelischen Ausstattung weitgehend durch die Umstände, unter denen die Schwangerschaft stattfindet, beeinflusst und geformt wird. Ein Unfall der Mutter, eine Infektionskrankheit oder länger dauernde schwere seelische Aufregung oder Depressionen können das Kind körperlich oder seelisch ungünstig beeinflussen.

In noch höherem Grade aber ist während der ersten Lebensjahre eines Kindes das Gesamtverhalten der Mutter von allergrößtem Einfluss. Zwar sagten wir, dass das Neugeboren bestimmte Grade der Aktivität und Passivität, der Sensitivität und Reizbarkeit sowie anderer Eigenschaften auf die Welt mitbringen. Jedoch kann von Anfang an die liebende Mutter dadurch einen günstigen Einfluss ausüben, dass sie gewisse Schwächen in richtiger Weise entgegenarbeitet.

Nehmen wir zum Beispiel ein wenig aktives Baby, das sich beim Trinken passiv verhält, also, wie man sagt ist und wenig Angstrengungen macht, Nahrung zu bekommen. Von der ersten Stunde seines Lebens an wird es weitgehend von der Geduld und dem Verständnis der Mutter oder der Pflegerin abhängen, ob dieses Baby genug Nahrung erhält oder nicht, und ob es durch Geschick und Liebe sogar zu lebhafterem Saugen veranlasst wird.

In dieser Weise können viele Fehlentwicklungen in die rechte Bahn gelenkt oder weniger günstige Anlagen in ihrer Bedeutung für die Entwicklung des Kindes abgeschwächt und sogar unwirksam gemacht werden. Bei falschem Verhalten jedoch kann das Gegenteil eintreten, indem ungünstige Anlagen verstärkt werden. Darüber wird später an verschiedenen Stellen des Buches noch mehr zu sagen sein.

Immer wichtiger aber werden die Einflüsse aus der Umwelt, je mehr der Organismus heranwächst.



Überlegung:
  • inwieweit spielen Umwelteinflüsse + persönliches Verhalten und Empfinden der schwangeren Mutter eine Rolle für die pränatale Entwicklung ?
  • wieviel und was kann die Großhirnrinde in diesem Stadium schon lebenslang speichern ?
  • spielt diese Speicherung von Daten, Erlebnissen und Empfindungen eine relevante Rolle für späteres Handeln und Erleben des Kindes, Jugendlichen und Erwachsenen ?
  • In welchem Zeitraum ist die Prägung am größten ?
  • Inwieweit können Schlüsselerlebnisse im Erwachsenenalter modifiziert und unter anderen Gesichtspunkten interpretiert werden ?
  • tut sich der erwachsene Mensch überhaupt einen Gefallen damit, Ratio und Gefühl so stark voneinander zu trennen, so dass ihm in einer scheinbar vernunftsorientierten westlichen Welt das Gefühl als befremdlich erscheint ?

Mittwoch, 26. März 2008

Freuds Theorie über die Entstehung von Angst (Kap. 4, S. 145)

Im Zuge dieser Entwicklung sieht Freud auch die Angst entstehen, die seiner ansicht nach durch Vermissen oder durch Verlust der geliebten Pflegeperson zustande kommt. Freud erzählt, wie er auf diese Deutung gekommen ist:

" Die Aufklärung über die Herkunft der kindlichen Angst verdanke ich einem dreijährigen Knaben, den ich einmal aus einem dunklen Zimmer bitten hörte:" Tante, sprich mit mir; ich fürchte mich, weil es so dunkel ist." Die Tante rief ihn an: " Was hast du denn davon? Du siehst mich ja nicht. " "Das macht nichts.", antwortete das Kind, "wenn jemand spricht, wird es hell."

Es fürchtete sich also nicht vor der Dunkelheit, sondern weil es eine geliebte Person vermisste, und konnte versprechen sich zu beruhigen, sobald es einen Beweis von deren Anwesenheit empfangen hatte."

An anderen Stellen sieht Freud die Entstehung der Urangst schon in dem Ereignis der geburt begründet. Sein Schüler reich baute diese Annahme zur Theorie des Geburts-Traumas aus, das heißt der Annahme, dass die Angst mit dem Schock des Geburtsprozesses beginnt. Andere Analytiker, zum Beispiel Fenichel, betonen mehr die Hilflosigkeit und die "Überschwemmung" des neugeborenen Organismus mit Emotion als Ursachen der primären Angst.

Mit dem Zusammenströmen aller Teiltriebe in die voll entwickelte Sexualität der Pubertät sieht Freud die Entwicklung als im Prinzip abgeschlossen. Die weiter Auf- und Abbewegung sexueller Bedürfnisse im Leben betrachtet er als im wesentlichen bedingt durch Persönlichkeits- und kulturelle Faktoren. Diese spielen, wie allgemein anerkannt ist, offenbar eine so entscheidende Rolle, dass es fast unmöglich wird, die Reifungsfaktoren als solche abzutrennen.

Es gibt natürlich eine große Anzahl physischer Vorgänge, die für die Entwicklung der Sexualität wesentlich sind.

Niemand scheint jedoch wirklich genau zu wissen, wie der wechselseitige Einfluss von physischen und psychischen Faktoren auf diesem kompliziertesten aller Lebensgebiete vor sich geht.

Wie wird das Gelingen und Misslingen des Lebens erlebt: Kapitel 4, Nr.3

Wenn man in klin.Interviews Menschen reden hört oder Äußerungen, in Tagebüchern, Briefwechseln und anderen biogr. Dokumenten studiert, gewinnt man den eindruck, dass im Aufbau der Erlebnisse des Gelingens und Misslingens durch die jahre eine Akkumulation stattfindet, derart, dass selbst Menschen, die nciht im eigentlich Sinn Lebensziele herausbilden, doch zusammenfassende Gefühle haben: "Alle gelingt mir", oder "Alle missglückt".

Damit wird bereits deutlich, dass die menschen im großen Maßstab, wenn auch im verschiedenen Maße, das Schicksal oder die Umstände für ihr Glück oder Unglück verantwortlich machen.

Hier gibt es jedoch große individuelle Unterschiede. Und es mag gleich erwähnt werden, dass es unseren modernen Lebensgefühl als ein Zeichen seelischer Kraft, Gesundheit und innerer Ehrlichkeit gilt, wenn jemand im Stande ist, sich darüber Rechenschaft abzulegen, bis zu welchem Grade er sich selbst oder aber die Umstände verantwortlich macht für seine Erfolge und vor allem misserfolge. Diese Haltung- und das ist eine der Haupteinsichten, die freud uns vermittelt hat- verstehen wir heute unter dem psychotherapeutisch so wichtigen Gedanken, das der seelisch Gesunde die Wirklichkeit sieht, wie sie ist.

Übrigens gibt es modernste Analytiker, die, wie Thomas Szasz, rundweg erklären: all dies sei nicht so sehr eine Frage der Gesundheit als vielmehr der Moralität. Die Wahrheit nicht sehen können, wie sie ist, sei einfach unehrlich und der Begriff der seelischen Krankheit ein "Mythos", wie er das nennt. Doch scheint mir dies zu weit zu gehen. ich glaube, dass ein Mensch - sieht man einmal von Verbildung durch falsche Erziehung und ungünstige Umgebungseinflüsse ab oder von Verblendung, die durch die kulturelle Umwelt bedingt ist - in der Tat seelisch nicht stark genug sein kann, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen oder sie zu ertragen.

Jedoch, ob der Mensch, der stets das Geschick für seinen Misserfolg verantwortlich macht, nun krank, schwach oder unehrlich oder all dies zusammen sein mag - auf jeden Fall wird er heute nicht mehr ernst genommen. Dies festzustellen ist umso wichtiger, als wir in einer Zeit leben, in der weltpolitische Katastrophen die Menschheit in einer Weise hin- und herschleudern, den einzelnen Menschen entwurzeln, ihm das Lebensnotwendigste nehmen, ihn vor Situationen des Grauens, der Not und des Todes stellen, wie sich das durch Jahrhunderte hindurch nicht ereignete.

Merkwürdigerweise zeigt sich, dass sehr viele Menschen diesen fürchterlichen Schicksalsschlägen mit einer Seelenruhe und Kraft begegnen wie man es nie erwartet hätte, und sich mit bewundernswertem Einfallsreichtum neue Existenzen oft aus dem Nichts stampfen. Nicht minder viele aber gehen, wie wir aus traurigster Erfahrung wissen, oft in erschreckender Anzahl in Folge brutalster Vernichtung oder überwältigender Schwierigkeiten zugrunde. Die Psychologie ist noch nicht in der Lage, über all diese Reaktionen von Individuen, Gruppen und Massen wissenschaftlich fundierte Auskunft zu geben. Wir müssen uns einstweilen auf sehr bescheidene Studien von Einzelschicksalen beschränken.

Jedoch ist es wichtig sich klarzumachen, in welchem Sinn hier das Wort Schicksal ins Spiel kommt. Unter Schicksal wollen wir verstehen die Gesamtheit der Umstäde, die einem Individuum "beschieden" sind. Mit "beschieden" meinen wir Ereignisse, auf die der Einzelne aus Äußeren oder inneren Gründen keinen Einfluss hat, die sich seiner Kontrolle entziehen. Die inneren Gründe dürfen wir dabei nicht vergessen denn wenn jemand einen nur beschränkten Verstand hat oder allzu überempfindlich ist, wenn jemand sich seine Ziele falsch steckt, so trägt auch das zu seinem Schicksal bei. Dieses Schicksal ist dann die Gesamtheit der Umstände, die den Verlauf seines Lebens bestimmen.

Was gibt es dann aber außer diesem Schicksal? Ist schließlich nicht auch die Willenskraft, mit welcher der eine sich aufrichtet, während sie dem anderen fehlt, Schicksal? Ja und nein: Soweit letzte innere und äußere Gegebenheiten in Betracht kommen, ja. Jedoch sind alle Gegebenheiten einschließlich der inneren, wie wir schon dargelegt haben, als Potentialitäten aufzufassen. Das heißt, es scheint gegenüber den Gegebenheiten einen inneren Freiheitsgrad zu geben, der eine Wahl, eine Selbstbestimmung und freie Entscheidungen bis zu gewissem Grade möglich macht. Wenn hier trotz seines unerträglich gewordenen Geschicks den Herrn preist; wenn Marie Heim-Vögtlin, eine Schweizer Ärztin, gegen Ende ihres Lebens sagt: Es ist auch nicht das Geringste in diesem Dasein, das ich anders haben möchte", obwohl sie mancherlei Leiden und in den letzten Jahren eine schwere Krankheit durchzustehen hatte; wenn die große Mathematikerin Sonja Kowalewska ihr Leben endet mit einer Schrift "Wie es war und wie es hätte sein können"; wenn in Arthur Millers "Tod eines Handlungsreisenden" der eine Sohn vom toten Vater sagt: "Seine Träume waren falsch. Die waren alle falsch", der andere aber: "Er hatte einen guten Traum geträumt. Den einzigen, den es gibt - es zu etwas zu bringen..." - so sind das Interpretationen von Schicksalen, die eben soviel oder mehr auf die Einstellung der Individuen schließen lassen als auf die objektiven Ereignisse.

Die Einstellung auf das Gelingen oder Misslingen des Lebens kann anscheinend einerseits von Anfang an und durch vieles Unglück hindurch hoffnungsvoll sein und andererseits selbst bei günstigen Bedingungen skeptisch.

Neurotische Faktoren können die Einstellung auf Gelingen und Misslingen noch in anderer Weise beeinflussen. Der Handlungsreisende Willy in Arthur Millers bekannten Drama hat in Folge seiner neurotischen Persönlichkeit eine dauernd zwischen falschem Optimismus und Pessimismus schwankende Lebensauffassung. Falsch ist sein Optimismus insofern, als er die Realitäten des Lebens, seiner Fähigkeiten und dessen, worauf es ankommt, völlig falsch beurteilt und missversteht.

Wie die Einstellung auf das Gelingen und Misslingen des Lebens konstruktiv und destruktiv sein kann, so kann auch die Beurteilung des bisherigen Gelingens oder Misslingen der Realität entsprechend sein oder aber durch falsche Hoffnungen und Erwartungen oder durch Minderwertigkeitsgefühle und Depressionen verzerrt. Jeder weiß aus eigener Erfahrung, wie oft er sich über das Ausmaß gewisse Erfolge und Misserfolge getäuscht hat, und wie schwer es oft selbst bei hinreichender Objektivität ist sich ein richtiges Urteil über diese Dinge zu bilden. Das Bewusstsein von Erfolgen und Misserfolgen, die Erlebnisse des Gelingens und Misslingens hängen natürlich weitgehend von den Zielen und Erwartungen ab mit denen ein Mensch sein Leben erlebt. Diesen Faktor der erwartungen gilt es deshalb zu betrachten.

Samstag, 23. Februar 2008

4. Vererbung kann leichter nachträglich festgestellt als vorausgesagt werden

Die neuen Erbebnisse dürfen nicht dahingehend missverstanden werden, dass es überhaupt keine Vererbung gebe. Natürlich gibt es Vererbung, jedoch ist die Variabilität ererbter Züge viel größer, als man früher angenommen hat. Die Zahl absolut feststehender ererbter Züge ist sehr viel eingeschränkter, um die Voraussagbarkeit dessen, was tatsächlich zu erwarten ist, außerordentlich gering.

Wesentlich häufiger scheint es möglich zu sein, nachträglich festzustellen, dass diese oder jene Eigenheit, Begabung, Krankheit ererbt wurden, als vorauszusagen, dass sie vererbt werden würden, weil die wirklich sich ergebende Kombination der Erbanlagen bei der Verschmelzung der Keimzellen sowie die Veränderung durch Umgebungseinflüsse unvoraussagbar sind.

Versucht man, etwas allgemeinere Regel über die häufiger und die seltene vererbten Eigenschaften aufzustellen, so ergibt sich etwa folgendes Bild: am regelmäßigsten scheinen gewisse körperliche Eigenschaften durch Vererbung weitergeben zu werden. Beispiel sind die Tendenz zu Lang- oder Kurzlebigkeit, zu größerer oder geringerer Wachstumsgeschwindigkeit und zu einem bestimmten Körpertypus, eine von dem berühmten Psychiater Ernst Kretschmer nachgewiesene Tatsache.

Ferner sind vererbar die Anlage zur Zeugung von Zwillingen oder Drillingen, die Disposition zu gewissen organischen Schwächen oder defekten und zu manchen Krankheiten, besonders auch zu solchen Geisteskrankheiten, die eine physische Grundlage haben. Häufig ererbt sind Reaktionsgeschwindigkeit, körperliche und technische Geschicklichkeit oder Ungeschicklichkeit, Eigenheiten der Bewegungen, Aktivitätsgrad, Sinnesschärfe und Sensivität, Intelligenz und spezifische Talente.

...vielen Dank Sibil für das Diktat, bitte daran denken, viele Wörter etwas härter auszusprechen ... viel Erfolg für die Deutschprüfung ...!

Mittwoch, 16. Januar 2008

3. Vererbtes und Erworbenes fließen von Anfang an zusammen

Die Frage, bis zu welchem Grade ein Individuum in seiner Entwicklung von Angeborenem, also vom Ererbten, und bis zu welchem Grade es von Umgebungseinflüssen bestimmt ist, hat Denken und Handeln der Menschen immer wieder stark bewegt. Wir alle wissen, welch verhängnisvollen Folgen radikal überspitzte Ansichten über die Rolle der Vererbung in der jüngsten Vergangenheit gezeigt haben. Heute schließen die Befunde der Wissenschaft jeden extremen Standpunkt hinsichtlich der Rolle des Vererbungs- ebenso wie des Umgebungsfaktors aus.

Langzeitpotentzierung
Diese Erkenntnis, die man bei Erziehungsexperimenten in modernen Instituten gewonnen hat, sowie die überwiegend günstigen Resultate von Adoptionen bedeuten für jeden Unvoreingenommenen eine lebendige Demonstration der außerordentlich formenden Kraft einer erzieherisch günstigen Umgebung. Und zwei neueste Erkenntnisse der Wissenschaft erscheinen in diesem Zusammenhang besonders wichtig. Im ersten Fall handelt es sich um Forschungsergebnisse über das Verhalten der Gene, jener ultramikroskopisch kleinen Strukturen, die die Träger der Vererbung sind.

Die Gene wurden seit der Begründung der Erbwissenschaft im Jahre 1900 für unwandelbare und unbeeinflußbare, die Entwicklung bestimmende Grundeinheiten gehalten. Jetzt stellt sich heraus - und dies ist sicher einer der sensationellsten Befunde der modernen Biochemie -, dass die Gene in ihrer Funktion bis zu gewissem Grade und unter gewissen Umständen in den allerfrühesten Stadien der Entwicklung beeinflussbar sind. Aber mehr noch werden wir durch eine zweite Erkenntnis aufgerüttelt: Es gibt eine große Zahl biochemischer sowie neurologischer Befunde, die beweisen, dass vom ersten Augenblick des Lebens an, das heißt sofort nach erfolgter Befruchtung, Einwirkungen aus der Umgebung das werdende neue Menschenkind mitbeeinflussen.

Wenn wir sagen >mitbeeinflussen<, so wollen wir damit ausdrücken, dass dieses winzige neue Wesen nun nicht etwa völlig von der Umwelt geformt wird, wie es gewisse Soziologen extremen Standpunkts lehren. Der wirkliche Tatbestand ist vielmehr der, dass vom Moment der Befruchtung an ein >angeborenes Gefüge<, wie es durch das vielfältige Mosaik der Gene gegeben ist, wirksam wird. Diese Aktivität, die ihm eigen ist und auf die Ludwig Bertalanffy als einer der ersten hinwies, ruft jedoch sofort eine Gegenwirkung aus der Umgebung hervor, in der sie stattfindet, und diese Gegenwirkung beeinflusst sofort das angeborene, genetische Gefüge. Das heiß, von Anfang an findet eine Wechselwirkung statt, und in dieser dauernden >Interaktion< style="color: rgb(204, 0, 0);">....spannend, spannend, hört sich schon der Anfang dieses Psychologiewälzers an...bin mal gespannt, wie es weitergeht...wie immer auch diese Wechselwirkung aussehen mag, wichtig für mich zu wissen ist im Endeffekt, ob und wie sie sich phänotypisch auf die Entwicklung des Kindes im Allgemeinen und darüber hinaus im Speziellen auf den Neocortex auswirkt. Denn im Frontalhirn befinden sich das wesentliche Zentrum für Emotionen und Moral ... inwieweit dieser Teil der Großhirnrinde von anderen Zentren des Neocortex und des limbischen Systems abhängig ist und auf welcher Art und Weise es mit ihnen kommuniziert, ist Aufgabe der Neurophysiologie und - psychologie...


Dienstag, 25. September 2007

2. Das Neugeborene ist bereits ein Individuum

Schon von Anfang gilt für diesen winzigen neuen Organismus, was später eine der Hauptregeln des Lebensvorganges ist: die Tatsache, dass das Leben einerseits nach gewissen allgemeinen Gesetzen verläuft, andererseits aber immer auch individuell ist.

Von Anbeginn an sind zum Beispiel alle Neugeborenen aktiv. Jedoch sind dann schon sehr verschiedene Grade der Aktivität festzustellen, die offenbar angeboren und nicht veränderbar sind. Mit diesen Aktivitätsgraden scheint auch ein angeborenes Tempo Hand in Hand zu gehen.
Alle Neugeborenen, so hört man immer wieder sagen, sehen ganz gleich aus. Und in der Tat benutzt man in den Kliniken oft kleine Armbandstreifen mit Namen, damit die Babys nicht verwechselt werden.

Trotz solcher oberflächlichen Ähnlichkeit und trotz der Gleichartigkeit vieler Verhaltenweisen gibt es jedoch vom ersten Schrei an von den ersten Reaktionen auf Nahrung, Licht und Schall, auf Temperatur und Druck ein schon individuell ganz verschiedenes Ansprechen auf die Umwelt. Und bei genauem Hinsehen findet man oft auch einen unterschiedlichen
Gesichtsausdruck.

..ja, ich kann mich auch sehr gut an den Gesichtsausdruck des Neugeborenen erinnern, das mich "angeschissen" hat...nachdem ich eine gute Routine auf der Neugeborenenstation und Gynäkologie gewonnen habe, sagt die Schwester zu mir, dass ich beim Säubern zusätzlich noch ein Schutzkittel tragen sollte...aber wozu, habe doch schon dutzende von Babys gewaschen ?...die Antwort kommt ein paar Tage später, aber fulminant: habe das neugeborene Kind frisch gewaschen, getrocknet und bin im Begriff ihm die Windel anzuziehen + dem Strampler...in dem Moment, wo ich die Windel anlegen will, kommt mir ein brauner warmer Strahl entgegen und ich stehe von oben bis unten wie ein "beschissener" Pudel da..die Schwester lacht sich natürlich kaputt und ich kann ein paar Stockwerke tiefer im Klinikum in die Umkleidekabine rennen, und immer den Gesichtsausdruck des kleinen Übeltäters vor Augen: pure Erleichterung und ein fröhliches Grinsen !

Mittwoch, 22. August 2007

Das Indiduum Teil B / I Die biologischen Wurzeln

I Die biologischen Wurzeln

Biologie ist die Lehre vom Leben. Unser Leben vollzieht sich in unserem Körper. Mit diesem, ein außerordentlichen komplexen, mit den mannifaltigsten Organen und Mechanismen ausgestatteten Gebilde, wirden wir geboren. Doch bereits bevor der Menschh geboren wird, entwickelt und bestätigt er seinen winzigen, aber schon dann hochkomplizierten neun Monate lang im Mutterleib.

1. Das Leben ist primär aktiv

Das Wichtigste, was über das geginnende Leben gesagt werden kann, scheint mir die Tatsache zu sein, dass schon von seiner ersten, noch keimhaften Existenz an dieses Leben bereits aktiv ist. Wir nennen diese Aktivität primär, das heißt, mit ihr beginnt die Lebensbewegung, bevor noch irgendein Reiz zur Wirkung gelangt ist. Obwohl für neun Monate lang ein Teil des Mutterleibs - von ihm umschlossen und mit ihm zur Versorgung des neuen Organismus durch die Nabelschnur verbunden -, obwohl noch unfähig, selbständig zu atmen oder sich zu ernähren, hat das winzige neue Individuum von allem Anfang an bereits sein eigenes Leben, das nach wenigen Monaten von der Mutter deutlich verspürt wird.

1 Bereits der Embryo im Mutterleib zeigt Aktivität

...wer sich tiefergehend mit der hochkomplexen Entwicklung des Embryos (ab der 9.SSW = Fötus) vom Zeitpunkt der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle von Berufs wegen beschäftigt (Hebammen, Krankenpflegepersonal, Mediziner und Biologen) der kann nur zu dem Schluss kommen: das Leben beginnt mit einer einzigen Zelle (selbst mit nur einem haploidem Chromosomensatz) - der Zeitpunkt, sich zu einem überlebensfähigen Organismus zu entwickeln, beginnt mit der ersten Zellteilung.

Hat man diese Vorgänge einigermaßen verstanden, erst dann hat man überhaupt das Recht mitzudiskutieren, ob schützenswertes Leben mit den pluripotenten oder totipotenten Zellen anfängt !

Dienstag, 14. August 2007

Teil A: Einleitung

3. Die heutige Psychologie

Das hier vorgelegte Buch besteht aus drei Teilen: einem über die Psychologie des Individuums, einem über die Psychologie von sozialen Beziehungen und Gruppen, und einem über die praktische Anwendungen der Psychologie. Diese drei Teile haben in unserem Buch ungefähr gleiches Gewicht. Oder anders ausgedrückt: die Bedeutung der Psychologie für das Verständnis des Gemeinschaftslebens und des praktischen Lebens hat sich sozusagen verdoppelt gegenüber ihrem anfangs vorwiegenden Interesse an den Problemen des Individuums.

Aber auch in ihrer Rolle bei der Erfassung des Individuums hat die Psychologie sich völlig verändert. Im Vordergrund steht heute die psychologische Interpretation des menschlichen Lebens, der menschlichen Persönlichkeit, der menschlichen Entwicklung und der seelischen Gesundheit oder Krankheit, während die früher dominierende Lehre von den seelischen Funktionen und Leistungen als eine isolierte Problemstellung in den Hintergrund getreten ist.

Das heißt nun keineswegs, dass diese historisch wichtige Periode in der Geschichte der Psychologie sich als überflüssig oder gar irrig erwiesen hätte. Durchaus nicht. Im Gegenteil: Ohne die ungeheure Sammlung von Tatsachenkenntnissen, die die Funktionspsychologie zusammengetragen und an deren Ausbau sie noch immer arbeitet, hätten wir überhaupt nicht die Möglichkeit, unsere heutige Forschung derart weit auszudehnen, wie wir das tun.

Die Funktionsforschung ist und bleibt ein Fundament des Gebäudes der modernen Psychologie. Denn wenn wir nicht wüssten, wie unsere Sinnesorgane, unser Wahrnehmungsapparat, unsere Denkprozesse, unsere Motorik, unser Gefühlsleben arbeiten - wie könnten wir überhaupt irgend etwas über den Menschen als handelndes, sich entwickelndes, die Umwelt bemeisterndes Wesen aussagen?

Andererseits ist auch die Funktionspsychologie rückwirkend von der Entwicklung auf den anderen Gebieten beeinflusst worden. Das Verständnis des menschlichen, besonders der Motivation; das Verständnis des menschlichen Handelns, besonders der Motivation; das Verständnis des Geschehens innerhalb menschlicher Gruppen, vor allem dank der ungeheuren Entwicklung der Anthropologie und des experimentellen Studiums von Gruppenvorgängen; die Aufzeigung der praktischen Rolle der Psychologie speziell in Gesundheitslehre, Erziehung und Wirtschaft - all das hat sich rückwirkend als von größter Bedeutung auch für die moderne Funktionspsychologie erwiesen. In der Erforschung der Wahrnehmungen zum Beispiel kamen ganz neue Tatsachen ans Licht, sobald der Einfluß der Motivation, das heißt der Ziele, denen sie dienen, berücksichtigt wurde.

Dienstag, 7. August 2007

Teil A: Einleitung

2. Was ist und was umfasst die Psychologie

Psychologie ist die Lehre vom Seelenbleben.

Dieses Seelenleben, das wir alle kennen, ist und direkt zugänglich. Zunächst einmal erfahren wir es im ständigen Fluß unseres Fühlens und Denkens, unseres Erinnerns und Hoffens, unserer Wahnehmungen und anderer ähnlicher Erlebnisse.

Dann, auf einer tieferen Stufe, erleben wir beunruhigendere und folgenreichere Dinge, wie zum Beispiel Probleme und Konflikte, verborgene Wünsche, Angst und Schuldgefühle, Kummer und Glück.

Und wenn wir noch tiefer blicken, so geraten wir in den Bereich jener Lebensrätsel, denen wir so hilflos und auf ewiger Suche nach Sinn und Zusammenhang unserer Existenz gegenüberstehen.

All dies und noch mehr ist unser Seelenleben, dessen Tiefen die Denker und Dichter der Menschheit von jeher zu erforschen getrachtet haben..

Die moderne wissenschaftliche Psychologie beschränkte sich in ihren historischen Anfängen mit Gustav Theodor Fechner (1801-1887) und Wilhelm Wundt (1832-1920) auf die Erforschung jener inneren Vorgänge, die der unmittelbaren Beobachtung zugänglich sind und heute seelische Funktionen genannt werden. Bald jedoch nahm die Psychologie eine ungeahnte Entwicklung nach vielen Richtungen hin. In die Breite gehend, erfasste sie nach und nach alle Gebiete des modernen Lebens, auf die der Mensch Einfluß hat oder die auf das menschliche Innere einwirken.

So gibt es Funktions- und exprimentelle Psychologie, Entwicklungs-, Persönlichkeits- und Sozialpsychologie; Betriebs-, Erziehungs-, Schul- und Alterspychologie, Wehrpsychologie und Psychologie im öffentlichen Dienst.

Gleichzeitig aber drang die Pyschologie auch in die Tiefe vor. Aus der Auseinandersetzung mit der modernen Psychiatrie und Philosophie und aus der Zusammenarbeit mit diesen Disziplinen ergaben sich die die neuen Richtungen der klinischen Psychologie und der existentialistischen Psychologie.

Diese Ausdrücke bedürfen einiger Erklärungen. Die Psychiatrie ist eine medizinische Disziplin, die sich ursprünglich im wesentlichen mit dem kranken Seelenleben befasste. In der Neuzeit entwickelte die Psychiatrie ein zunehmendes Interesse am Vergleich des kranken mit dem gesunden Seelenleben. Dies gilt sowohl von der neuesten Typenforschung, die durch Ernst Kretschmer (1888-1964) begründet wurde, wie noch im höheren Maße von der modernen Tiefenforschung, die mit Sigmund Freuds (1856-1939) Psycholanalyse begann.

Beide Forschungszweige - der eine, der für die Idee von Menschentypen eine wissenschaftliche Basis schuf, ebenso wie der andere, der die menschliche Motivation aus den Tiefen des Unbewußten ans Licht förderte - wurden von Psychologen weiter in der Richtung des Studiums gesunder Entwickling und Persönlichkeit verfolgt. Heute arbeiten der medizinisch ausgebildete, psychologisch orientierte Psychiater und der im Studium des normalen wied des kranken Seelenlebens geschulte Psychologe vielfach Hand in Hand, wenn es um Diagnose, Beratung und Behandlung menschlicher Lebensprobleme geht. Hierbei verwenden beide Disziplinen tiefenpsychologische Methoden und Gesichtspunkte.

Der Existentialismus schießlich ist eine moderne Philosophie, welche Fragen der menschlichen Existenz untersucht. Auch dieser Problembereich wird heute in die Psychologie einbezogen und besonders von klinischen Psychologen bearbeitet..

Er ist unter den Psychologen der Spezialist, der sich mit Problemen des menschlichen Lebens und der menschlichen Existenz befasst.

Mittwoch, 25. Juli 2007

Teil A Einleitung

1. Unsere Zeit braucht die Psychologie

In der Geschichte der Menschheit kommen und gehen die Völker und die Kulturen. Blicken wir zurück, so sehen wir, wie die kontinuierlich sich wandelnde und sich entwickelnde Menschheit den Erdball Schritt für Schritt in Besitz genommen hat und jetzt eben sich anschickt, über ihn hinaus in den Weltraum und zu den Gestirnen vorzudringen.

So imponierend dieser Prozess zunehmender Bemeisterung der uns umgebenden Welt uns erscheint - ein entsprechender Fortschritt in der Selbstbemeisterung der Menschheit hat nicht stattgefunden. Trotz aller Errungenschaften der Zivilisation, trotz zunehmender Verfeinerung unserer Lebensweise und unserer Sitten, trotz zunehmender Kenntnisse auf allen Gebieten der Wissenschaft und Technik, der Industrie, des Handels, des Verkehrs - trotz all dem sind wir in hohem Grade noch immer dieselben Menschen, die wir waren: von Ängsten bis in die Träume verfolgt; von Leidenschaften und Begierden angetrieben; von Sorgen geplagt, von Problemen und Konflikten zerrissen; von Leid und Schuld gebeugt. Noch immer vernichten wir einander in Krieg und Verbrechen. Noch immer gelingt es uns nicht, unsere Geschichte konstruktiv und kooperativ zu lenken, aufbauend in planvoller Zusammenarbeit. Und noch immer stehen wir ohne Antwort vor der ewigen Frage: Was ist der Sinn des menschlichen Daseins ?

Von jeher hat die Menschheit versucht, sich ein geistiges Werkzeug zu beschaffen - Aberglaube und Religion, Philosophie und Wissenschaft -, um die Gottheit und sich selbst zu verstehen, um sich zurechtzufinden in dieser Welt und im eigenen Innern, und um es fertigzubringen, ein gutes sinnerfülltes Leben zu führen..

Immer wieder ist diese Hoffnung der Menschheit betrogen worden. Die letzte und bitterste dieser Enttäuschungen, den Ausbruch zweier Kriege und den teilweisen Niederbruch unserer westlichen Kultur, haben viele von uns miterlebt, und zur Zeit stehen wir alle mit angehaltenem Atem vor dem überwältigenden Phänomen der ungeheuren Bewegungen, in die riesige Völkermassen über den ganzen Erdball hineingeraten sind.

Offenbar gibt es nichts, was wir dagegen tun könnten. Das einzige, was wir sinnvollerweise unternehmen können, ist, dass wird daran arbeiten, uns ein besseres Verständnis der Vorgänge in der Welt zu verschaffen, um uns einen Standpunkt zu sichern und eine Richtschnur für unser Handeln zu gewinnen, eine Lebensphilosophie.

Soweit wird dazu ein Verständnis des äußeren Geschehens in der Welt benötigen, hilft uns das, was Zeitung und Zeitschrift, Buch und Funk und Fernsehen aus allen Gebieten der Politik, der Wirtschaft, der Kultur berichten. Aber soweit die inneren Vorgänge in Betracht kommen, das, was in uns selbst geschieht, so gibt es heute nur eine sinnvolle, zuverlässige und zweckdienliche Methode, die dem Selbstverständnis und der Selbstbestimmung helfen kann: das ist die Psychologie. Und deshalb braucht unsere Zeit die Psychologie, deshalb braucht der Mensch unserer Zeit sie als die einzige Grundlage der Selbsterkenntnis und Selbststeuerung, auf die er sich verlassen kann.

In der folgenden Darstellung wird der Versuch gemacht, weiten Kreisen unserer Zeitgenossen einen Zugang zu psychologischem Verstehem und Selbstverstehen zu vermitteln und dabei auch ein Bild von dem umfassenden Arbeitsbereich der modernen Psychologie zu geben. Ihr Zweck wäre erreicht, wenn es gelänge dem Leser durch dieses Buch zu Kenntnissen und Einsichten zu verhelfen, mit deren Hilfe er sich einem Verständnis von Leben und Welt und deren großen Aufgabe der Lebensbemeisterung in höherem Maße gewachsen fühlt als vor der Lektüre dieses Buches.

Mittwoch, 18. Juli 2007

Vorwort

Das Buch über > Die Psychologie im Leben unserer Zeit< wurde unter einem ganz bestimmten Gesichtspunkt konzipiert und geschrieben. Es soll nicht, wie manche Leser annehmen könnten, ein leichtverständliches Buch Lehrbuch für Anfänger auf dem Gebiet der Psychologie und für sonstige Wißbegierige sein, obwohl es, wie ich glaube, also solches verwendete werden kann. Jedoch ein neues elementares Lehrbuch zu schreiben, wäre kaum gerechtfertigt, da es viele solcher Werke gibt.

Das Buch ist auch nicht entstanden als eine feuilletonistische Zusammenstellung von >Interessantem< aus der Psychologie. Auch solche Bücher gibt es, aber mir als Wissenschaftlerin liegt dieser Gesichtspunkt fern. Dies schließt jedoch nicht aus, daß ich versucht habe, allgemein interessierendes Material auszuwählen und es leicht lesbar darzustellen.

Der eigentliche Zweck dieses Buches liegt jedoch in ganz anderer Richtung. Meine Überschau und Zusammenschau will meinen Zeitgenossen zeigen, wieviel sie für ihr persönliches Leben aus der modernen Psychologie gewinnen können.

Das erscheint mir wichtig aus verschiedenen Gründen. Meine Tätigkeit und meine Erfahrungen als Kinderpsychologin in mehreren Ländern und in verschiedenen Kulturkreisen haben mich davon überzeugt, wie sehr heute Eltern und Lehrer darum ringen, ein richtiges Verständnis und die richtigen Behandlungsmethoden für ihre Kinder und Schüler zu finden, die in einer ungeheuer schwierigen Zeit heranwachsen. Es erschien mir wünschenswert, ihnen Entwicklungs- und Erziehungsprobleme in dem größeren Zusammenang alles dessen darzustellen, was wir heute über unsere Seelenleben wissen.

Meine Tätigkeit und meine Erfahrungen als Psychotherapeutin von Erwachsenen ließen mich zweitens von Tag zu Tag deutlicher sehen, daß wir in einer Zeit leben, in der ein vertieftes Verstehen unserer selbst sowie der Probleme unserer menschlichen Existenz zu einem immer stärker und immer allgemeiner empfundenen Bedürfnis wird. Sinn und Wert des Lebens sind niemals so grundsätzlich und von so vielen in Frage gestellt worden wie heute. Neben der Erörterung von Selbstverwirklichungstheorie, Existentialismus und Logotherapie entwerfe ich deshalb versuchsweise meine Ideen zu einer Lebensphilosophie, die sich mir aus psychologischen Überlegungen ergibt. Zunächst jedoch stelle ich alles zusammen, was einem modernen Menschen zu besserem Selbstverstehen helfen kann.

Drittens habe ich als Mensch, der in der Zeit größter kultureller Umwälzung lebt, das Bedürfnis empfunden, mir und meinen Mitmenschen ein Bild dessen auszuarbeiten, was, psychologisch betrachtet, in unserer Kultur und in anderen Kulturen vor sich geht. Indem ich bei Soziologen und Anthropologen in die Schule ging, versuchte ich mir und anderen klarzumachen, wie das menschliche Zusammenleben sich unter veschiedenen Bedingen gestaltet. Nur von dorther können wir, glaube ich, letzten Endes unter den Menschen gelangen, sei es in kleinen oder in großen Gruppen dieser Welt.

So stellt dieses Buch die Psychologie in erster Linie unter dem Gesichtspunkt dar, wie sie dem Verstehen des menschlichen Lebens und der inneren Zusammenhänge dienen kann. Aber es ist natürlich außerdem auch informierend. Diese Information ist nicht als bloße Vermittlung von Tatsachen aufzufssen, sondern als eine Darstellung, wie sie sich aus dem Durchdenken der Tatsachenzusammenhänge ergibt.

Wenn in dieser Weise das vorliegende Buch nicht zu rein akademischen Zwecken geschrieben ist, wenn es statt dessen mehr erzieherische, klinische und humanistische Belange verfolgt, so habe ich doch auf der anderen Seite alles getan, um Tatsachenkenntnisse, Theorien und problematische Angelegenheiten mit größtmöglicher Objektivität und in relativer, durch den gegebenen Rahmen begrenzer Vollständigkeit zu bringen. Das heißt, ich habe mich bemüht, alle wichtigen Dinge und Auffassungen zu behandeln und alle bedeutenden Forscher zu Wort kommen zu lassen.

Um mich nirgends auf mein Urteil allein zu verlassen; habe ich eine größere Anzahl europäischer sowie amerikanischer Kollegen gebeten; die einzelnen Kapitel kritisch zu lesen und mir ihre Kommentare zu geben. Infolge meiner begrenzten Kenntnisse auf gewissen Gebieten und infolge der Ausgedehntheit der Literatur habe ich außerdem eine Anzahl von Experten ersucht, mir bei der Zusammenstellung der entsprechenden Literatur behilflich zu sein. Auf diese Weise glaube ich, den Leser gegen die Beschränkung durch Einseitigkeit und Spezialisierung gesichert zu haben, ohne dem Buch die Einheit der Gesamtkonzeption zu nehmen.

Ohne diese wertvollen, sachkundigen Helfer hätte ich mein Buch niemals schreiben können. Ihnen gebührt daher mein erster, tiefstgefühlter Dank.

Wie immer gab mein Mann, Karl Bühler, mir seinen klugen Rat und schenkte mir sein nie versagendes, liebevolles Interesse.

Das Buch ist meinen Kindern und Enkelkindern gewidmet, die Wesentlichstes zur Erfüllung meines eigenen Lebens beitrugen und denen es in ihrer Zukunft gedanklich und menschlich beistehen möge.

Los Angeles, im März 1962 CHARLOTTE BÜHLER

Widmung und Inhaltsübersicht

Meinen Kindern
Ingeborg und Alf-Jörgen Aas
Rolf und Mary Bühler
und meinen Enkelkindern Audün und Erlend
Ingrid, Craig, Brooke und Alice
gewidmet

Inhaltsübersicht

Vorwort 5

TEIL A EINlLEITUNG 7

TEIL B DAS INDIVIDUUM 11

I. Die biologischen Wurzeln 11
II. Die Funktionen 28
III. Die Motivation 60
IV. Die Entwickling 92
V. Die Persönlichkeit 158
VI. Der menschliche Lebenslauf 196

TEIL C DIE GESELLSCHAFT 248

VII. Das Individuum und die Gesellschaft 248
VIII. Die Gruppe und das Individuum 271
IX. Beispiele gesellschaftlicher Strukturen 304
X. Die Kulturen 315

TEIL D DIE PRAXIS 340

XI. Die Rolle der Psychologie in der Praxis des heutigen Lebens 340
XII. Die Psychologie in Erziehung und Berufsberatung 346
XIII. Die Psychologie in den helfenden Professionen 365
XIV. Die Wirtschaftspsychologie 421
XV. Psychologie und Lebensphilosophie 431

Bibliographie 435
Bildquellennachweis 445
Register 447
Inhaltsverzeichnis 460

"Psychologie im Leben unserer Zeit" von Charlotte Bühler

Es ist schon lange her, dass ich ein großes Werk gelesen habe. Das letzte war ein dicker Wälzer und Psychologiebuch über die Kindes- und Jugendentwicklung...danach habe ich meine Mutter immer besser verstanden, dass fast alle Ursachen psychischer Probleme von Erwachsenen im Kindes- und Jugendalter zu finden sind...dies bietet dem Erwachsenen aber auch die Chance, an sich zu arbeiten und nicht zu verzweifeln...es ist seine Pflicht, sich seiner eigenen Persönlichkeit zu stellen und sich nicht alleinig über die Arbeit, Erfolg, Drogen, Schlägereien, reine Provokationen, Sekten, extreme Gruppierungen oder durch Zurückziehen aus der Gesellschaft zu definieren...!

Despoten, egal ob in Familie, Betrieb oder an den Machthebeln dieser Welt, sind das beste Beispiel für eine Entgleisung der Psyche, der Seele und der Gesinnung ! Aber auch Passive und Menschen, die sich schubsen, einschüchtern und allzu leicht verängstigen lassen, bedürfen der Erstarkung ihres Geistes und Selbstbewußtseins.

Ich bin kein Freund der reinen Psychologie, für die Erklärung des Wesens des Menschen möchte ich nie die Theologie, Soziologie, Ethnologie, Medizin, Biologie, die Politik, alle Pflege- und Heilberufe und die bildenden Künste missen...nur die ganzheitliche Betrachtung ist heute für jeden bis zu seinem Ableben relevant und von Nutzen.


Vorstellung:

Frau Professor Dr. Charlotte Bühler
begann nach Studium und Promotion ihre Lehrtätigkeit 1923 in Wien. 1938 ging sie nach Norwegen, 1940 mit ihrem Mann, dem Gestalt-, Jugend und Sprachpsychologen Professor Karl Bühler, in die USA.

Ihre Forschungen in der Kinder- und Jugendpsychologie, über die Dynamik des Lebenslaufs und über die Anwendung der Psychologie in der klinischen Praxis schlugen sich in zahlreichen Veröffentlichungen nieder und machten sie weltbekannt.

Frau Professor Dr. Charlotte Bühler starb 1973. Ihr Werk "Psychologie im Leben unserer Zeit" wurde ein großer internationaler Erfolg. Ebenfalls bei Droemer erschienen ist ihr Buch "Wenn das Leben gelingen soll"